
Pip: Biochemie trifft Kreativität — klingt nach dem Titel eines Seminars, das niemand besucht, und wird trotzdem eine der interessanteren Ausstellungen des Jahres in Bremen.
Mara: Phototio hat die Ankündigungen und das Begleitprogramm rund um Heike Seyffarths Zusammenarbeit mit dem Biochemiker Sebastian Springer dokumentiert — von der Ausstellung selbst bis zu Vorträgen über Kreativität als Methode. Fangen wir mit der Ausstellung an.
Wissenschaft und Kunst im Dialog: Zellen, Viren, Proteine
Pip: Die Frage, die diese Ausstellung stellt, ist eigentlich eine philosophische: Wenn Wissenschaftler Experimente entwerfen und Künstlerinnen Daten in Bilder verwandeln — wie verschieden sind diese Prozesse wirklich?
Mara: Der Beitrag zur Ausstellung formuliert es so: „Während Wissenschaft oft Bekanntes neu interpretiert, sucht Kunst radikale Neuschöpfung. Beide nutzen vorhandenes Wissen, unterscheiden sich jedoch in ihren Zielen: Erkenntnis versus Ausdruck.“
Pip: Das ist die eigentliche Spannung. Nicht Wissenschaft gegen Kunst, sondern zwei Arten, mit demselben Rohmaterial umzugehen — in diesem Fall mit Daten aus Springers Labor: Zellen, Viren, Proteine.
Mara: Die Ausstellung läuft vom 9. Juli bis 17. Oktober 2026 im Haus der Wissenschaft in Bremen. Gezeigt werden Malerei, Grafik, Sound und textile Installationen, alle basierend auf wissenschaftlichen Daten und Bildern aus dem Labor.
Pip: Textile Installationen aus Proteindaten — das klingt absurder, als es ist. Es ist eigentlich eine sehr direkte Übersetzung.
Mara: Das Begleitprogramm ist dicht. Am 23. September gibt es eine Katalogvorstellung: der Beitrag dazu hebt hervor, dass ein Katalog die Ausstellung über ihr Ende hinaus zugänglich macht — „als Erinnerung, Dokumentation und eigenständiges Medium.“ Und am 5. Oktober lädt eine Führung durch die Ausstellung ausdrücklich ohne Voraussetzung von Fachkenntnissen ein, Eintritt frei.
Mara: Diese Führung betont den interdisziplinären Dialog — sie soll nicht erklären, sondern zum Gespräch einladen.
Pip: Drei Zugänge zur selben Ausstellung: live erleben, geführt verstehen, im Katalog nachlesen. Das ist eine durchdachte Architektur für ein Thema, das sich nicht in einem Besuch erschöpft.
Mara: Und es gibt ein eigenes Veranstaltungsformat, das den Kreativitätsbegriff selbst unter die Lupe nimmt — dazu gleich mehr.
Kreativität als Methode: Vom Blitz zur Systematik
Pip: Woher kommen gute Ideen — und lässt sich das überhaupt erklären? Der Vortrag „Kreativität in Wissenschaft und Kunst“ am 1. August im Haus der Wissenschaft greift genau diese Frage auf.
Mara: Der Ankündigungstext fragt direkt: „Woher kommen (gute) Ideen? Werden sie aus dem Nichts geboren oder haben sie Vorgänger, aus denen sie sich entwickeln können?“ Der Vortrag stellt verschiedene Kreativitätsmethoden vor — von zufälligen Eingebungen bis zur systematischen Nutzung von Erfindungswerkzeugen.
Pip: Das heißt: Kreativität nicht als Talent, sondern als Praxis mit Werkzeugkasten. Das ist ein anderes Versprechen als der romantische Blitz.
Mara: Zwei weitere Formate greifen das auf. Der Salon „Kunst und Experiment“ am 29. September im Bunker F38 sucht Verbindungen zwischen Wissenschaft und Kunst in Geometrie, Architektur und Bionik — mit Mini-Experimenten. Und schon am 16. Juli lud ein „Speed Dating für (Un-)Kreative“ im Creative Hub Bremen dazu ein, Kreativitätswerkzeuge direkt auszuprobieren.
Pip: Von der Ausstellung zur Theorie zur Praxis — das Thema zieht sich durch den ganzen Sommer.
Mara: Was bleibt, ist eine Frage, die die Ausstellung aufwirft und die Veranstaltungen nicht abschließend beantworten wollen: Wo hört Forschung auf und fängt Gestaltung an?
Pip: Vielleicht genau dort, wo Proteindaten zu Textilien werden. Beim nächsten Mal mehr.
